Die Zeit vergeht nun im Zeitraffer. Genauso „gequetscht“ fühle ich mich. Im Mittelpunkt steht das Abschiednehmen in Verbindung mit dem mechanischen Abarbeiten der gefühlten 1000 Punkte auf unserer To-Do-Liste. Ja, jetzt wird es wirklich ernst!
Zuerst der To-Do-Listen-Teil: wieder Gespräche mit dem Team geführt, Dinge geregelt, die vor unserer Abreise besprochen werden sollten. Dabei poppten weitere To-Dos auf. Ein frustrierendes Gefühl, wenn die Liste länger statt kürzer wird. Ich freue mich auf den Moment, wenn es wieder umgekehrt werden wird. Hoffentlich sehr bald. Denn trotz aller Zuversicht und Vorfreude, werde ich regelmäßig von dem Gefühl übermannt, dass es mir hoffnungslos erscheint, selbst die wichtigsten Punkte vor unserem Abflug abgearbeitet zu bekommen. Dieses Gefühl der Überforderung habe ich seit langem nicht mehr so intensiv gespürt. Dann sitze ich wie gelähmt da und lasse meine „unendliche“ Liste an mir geistig vorüberziehen. Zum Glück ist da ja auch Flo. Wir sind ein super eingespieltes Team in solchen Belangen. Immer wenn sich einer von uns im Loch befindet, ist der andere da, um ihn wieder aus der Lähmung zu holen. Das machen wir seit einigen Tagen sehr intensiv!
Ein wichtiger Punkt auf der To-Do-Liste war der Termin beim Feldenkrais. Da ich immer noch Probleme mit meinem Knie habe, wollte ich mir da Bewegungsalternativen für meinen Bewegungsapparat holen. Wie wertvoll diese Stunde war! Hätte ich nur früher damit angefangen! Ich habe ja noch einen Termin.
Die Zahnarztkontrolle – ja, ich weiß, ich bin echt spät damit dran…. – lief doch nicht ganz so glatt ab. Ich brauche doch noch eine neue Teilkrone. Ich hoffe, dass es bei dem einen Termin bleibt, denn so viel Zeit bleibt mir ja nicht!
Nun zum Thema Abschiednehmen. Das hat mich voll erwischt. Die Kinder hatten ihren letzten Schultag. Für Silas war es der letzte Tag an der Freien Schule. Als ich so durch das leere Klassenzimmer ging wurde mir erst so richtig bewusst, dass unser „Großer“ nun wirklich ein Großer ist. Ich musste daran denken wie ihm hier die Schultüte überreicht wurde. Seine Höhen und Tiefen, die Gruppenfahrten, die vielen, vielen Freunde, die er hier gefunden hat. In den 10 Jahren sind die Kinder und auch die Eltern wie zu einer großen Familie zusammengewachsen. Ein echtes Geschenk, das uns die Schule ermöglicht hat: dass die Kinder so viel gemeinsame Zeit (auch außerhalb der Schule) miteinander verbringen. Und auch wir Eltern, die wir in all den Jahren zusammengewachsen sind. Durch die Schule haben wir gute und echte Freunde gefunden.
Die Entscheidung, unsere Kids damals auf die Freie Schule zu schicken, war goldrichtig. Es war ein Experiment, andere Wege als die der Regelschule zu gehen. Ich bin froh, dass wir diese Entscheidung getroffen haben. Unsere Kinder sind dadurch echte Persönlichkeiten geworden, die Erwachsenen auf Augenhöhe begegnen, sich selbst organisieren und für ihre Meinung eintreten, auch wenn das ständige Verhandeln mit ihnen im Alltag beschwerlich sein kann, so sind sie für das Leben diesbezüglich gewappnet.
Irgendwie fühlte es sich so an, als ob Silas nun flügge wird.
Ich bin keine dieser Helikopter-Mamas und doch ist es ein wirklich seltsames Gefühl, wenn die Kinder groß werden und ihren Weg gehen.
Am Nachmittag gibt es immer traditionell ein Picknick im Park, das die Abgänger organisieren. Eine wunderbare Tradition: die Abgänger und alle, die Lust haben: Kinder und Eltern treffen sich nochmals zu einem gemütlichen Abschied. Die Abgängerkinder bekommen von der Schule jeder ein Fotoalbum geschenkt. Immer 2 Kinder machen ein ganz persönliches Album über die letzten 10 Jahre: Von der Einschulung bis zum aktuellen Abschluss-Klassen bzw. Schulfoto. Als wir die Alben der verschiedenen Kinder ansahen, kamen all die vielen kleinen Erinnerungsmomente hoch. 10 Jahre Erinnerung im Schnelldurchlauf. Viele der Leute sahen wir nun zum letzten Mal. Für mich fühlte es sich schon wie ein kleiner Abschieds-Tsunami an – zumindest innerlich! Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass wir durch die Schule so viele gute Freunde in der Elternschaft finden würden. Dies liegt auch daran, dass die Eltern in der Schule so viele gemeinsame Zeit verbringen.
Für Cayo war das Abschiednehmen von seinen Freunden ein Stück zu viel. Er wollte nachmittags nicht mehr mitgehen und lieber zu Hause bleiben. Ich kann das verstehen. Früher habe ich auch Abschiede gehasst und diese so weit wie möglich umgangen. Auch für Silas war es viel. Wir waren alle irgendwie gereizt und jeder mit sich selbst beschäftigt – eine explosive Mischung!
Yasmin kam auch noch mit. Während wir alle in Erinnerungen schwelgten, erkundete sie ein wenig die Stadt. Wir vereinbarten, dass sie in 2 Stunden wiederkommen sollte. Als es dann soweit war, und alle Eltern und Kinder so langsam aufbrachen, war von ihr keine Spur zu sehen. Silas war bereits sehr ungeduldig – er wollte gehen. Ich war hin- und hergerissen: so einfach gehen wollte ich auch nicht. Ich hatte ihre Handynummer nicht gespeichert, so dass ich sie nicht erreichen konnte. Andererseits waren weit über 2 Stunden bereits vorbei. Unsere erste Lektion in Sachen lateinamerikanischer Kultur! Letztendlich schrieb ich ihr eine Notiz auf einen Pappteller, dass wir bereits los seien und mit welchem direkten Bus sie nach Hause kommt. Wir gingen Richtung Auto, als sie zum Picknick-platz kam. All meine Befürchtungen hatten sich in Luft aufgelöst!
Am Abend haben wir den Rucksack für Silas Pfadfinderwanderung nach Korsika gepackt. Morgen geht es los. Eigentlich war die gemeinsame Fahrt zur Pfadfinderhütte heute gewesen. Da Silas beim Abgängerfest mit dabei sein wollte, wird er morgen mit dem Zug nachfahren.