Berta war mittlerweile im Regenwald gelandet. Sie war überwältigt von dem vielen, vielen Grün, den riesigen Blättern der Pflanzen und den sonderbaren Pflanzen. Die Bäume waren so hoch und dicht, dass man fast den Himmel nicht mehr sehen konnte. Nur ab und zu brach die Sonne durch. Und dennoch war es sehr heiß hier und feucht. Nachmittags setzte immer ein starker Regen ein, meist von einem lauten Donnern und kräftigen Blitzen begleitet. So viel Natur auf einmal hatte sie noch nie gesehen.
Sie war neugierig und wollte wissen wie die Menschen hier lebten. Nachdem sie lange Zeit durch den Dschungel und sogar durch einen Fluss gewatet war, traf sie auf eine kleine Hütte, die aus Holz auf Pfählen gebaut war. Sie hatte ein Wellblechdach und eigentlich war es nur eine Holzplattform, auf der ein paar Zelte standen. Niemand war auf der Plattform. Sie schaute sich neugierig um. Vorsichtig machte sie ein paar Schritte und ging hinein. Es gab sogar einen kleine Küche hier mit einem Gasherd. Zwei Hängematten und ein Tisch mit Holzpflöcken als Stühle. Hier gab es keine Türe oder Fenster, alles war offen, so dass immer mal wieder Kolibris oder andere Vögel hier durch die Plattform flogen. Eine herrliche Aussicht hatte man hier. Jede Menge Bananenpflanzen und andere exotische Blüten waren zu sehen, aus denen die Kolibris ihren Nektar saugten.
Von den Balken der Decke baumelten einige Traumfänger. Fasziniert trottete Berta zu ihnen. „Was seid ihr denn?“ fragte sie vorsichtig. Die Traumfänger antworteten. „Wir sind Traumfänger“. Wir sorgen dafür, dass nur die guten Träume bei den Menschen ankommen und die schlechten Träume fangen wir für sie ab.“ Das hörte sich ja spannend an. „Und das funktioniert wirklich?“ Die Traumfänger schauten verlegen zu Boden. „Naja, in den meisten Fällen jedenfalls.“ Ob es so etwas auch für Kamele hab, fragte sie sich im Stillen. „Und was für Träume finden die Menschen, die hier im Regenwald leben?“ Berta war einfach ein neugieriges Kamel und alles, was mit Träumen zu tun hatte, interessierte sie mächtig.
Einer der Traumfänger antwortete: „Ich erzähle dir eine Geschichte über einen Jungen, hier aus dem Regenwald und seine Träume. Hier auf der kleinen Halbinsel in Drake gibt es einen kleinen Jungen, der mit seinen vier Schwestern und seinen Eltern mitten in den Bergen im Regenwald aufwuchs. Für ihn war der Regenwald nichts besonderes, er kannte ja nichts anderes. Wenn er einen Tukan vorüber fliegen sah, dann war das ganz normal für ihn. Ebenso wie die Pfeilgiftfröschen, denen er auf dem Weg zur Schule begegnete. Er kannte nicht einmal alle Tiere und Pflanzen, so vielfältig ist die Tier- und Pflanzenwelt. Sie waren einfach da. Er wusste, dass viele giftige Tiere im Dschungel lebten. Vor allem Spinnen, Frösche und Schlangen. Um die sollte er immer einen großen Bogen machen, hatte er gelernt. Einmal hatte er nicht aufgepasst, in den Bergen im tiefsten Dschungel und da passierte es. Eine Baby Lanzen-Otter biss ihn ins Bein. Der Schmerz war stark und stechend. Er meinte, sein Kopf würde platzen. Mit letzter Kraft schleppte er sich so gut es ging nach Hause. Dort wurde er sofort von seiner Familie ins Dorf getragen. Der Junge wurde bewusstlos und schnell fuhr man ihn mit dem Boot in die nächste größere Stadt, in der es ein Krankenhaus gab. Er hatte Glück und bekam ein Gegengift gespritzt. Zehn lange Tage musste er im Krankenhaus bleiben, bevor er wieder nach Hause gehen konnte. Er hatte ein Riesenglück gehabt, dass es nur eine Babyschlange gewesen war. Denn er hatte die gefährlichste Schlange von Costa Rica kennengelernt.
Die Schule machte ihm meistens keinen großen Spaß. Sie machte ihm zu schaffen und zu Hause hatte er keine Zeit und Muse oder Eltern, die mit ihm lernten. Er musste im Haus mithelfen. Das Leben im Dschungel ist ein einfaches und oft auch ein hartes, entbehrungsreiches Leben. So beschloss der Junge, nicht mehr in die Schule zu gehen. Da war er zwölf Jahre alt. Er zog von zu Hause aus und musste sich eine Arbeit suchen, damit er ein Dach über dem Kopf hatte und etwas zu essen. Die nächsten Jahre verbrachte er damit, von einer Gelegenheitsarbeit zur nächsten zu ziehen. Oft waren es harte, schwere Arbeiten und als Lohn bekam er etwas zu essen. Einmal musste er auf Bäume klettern und die Äste absägen. Er bekam gerade mal 1,50 Euro pro Stunde. Trotz der schwierigen Bedingungen, in denen er lebte, war er offen und ging auf die Leute zu, denn er wollte etwas von der Welt kennenlernen.
Er machte auch die Bekanntschaft mit Alkohol und Drogen und sah an seinen Freunden, dass das Leben, das sie damit führten, kein gutes für ihn wäre.
Der Junge wusste, dass er sich sein Leben anders vorgestellt hatte. Ihm wurde klar, dass es einen Platz gab, an den gehörte, an dem er zu Hause war. Der Regenwald, in dem er er seine Kindheit verbracht hatte. Er war neugierig und wollte mehr wissen über den Dschungel, aus dem er kam. Und so kehrte er wieder zurück in seine Heimat, den Dschungel. Er wusste noch nicht, wie sein zukünftiges Leben dort aussehen würde. Aber er glaubte daran, dass es eine Möglichkeit geben musste, eine Arbeit zu finden, die ihm Spaß machte und bei der er im Dschungel bleiben könnte. Er vertraute darauf, dass er eine Lösung finden würde. Er war nicht einfach und dauerte auch seine Zeit. Bis dahin half er hier und mal dort aus. Irgendeine helfende Hand wurde immer gesucht. Es war kein Zuckerschlecken in dieser Zeit. Was ihn jedoch bleiben ließ, war, dass er wieder im Regenwald war, den er sehr vermisst hatte.
Dann kam die Gelegenheit. Es wurde jemand gesucht, der im Regenwald lebt, die dortige Plattform in Schuss hält. Die Wege mussten freigemacht und instand gehalten werden, damit wenn Touristen kommen, sie einigermaßen gut ihnen den Dschungel kommen konnten. Der Betreiber der Plattform veranstaltete für Touristen verschiedene Führungen. Und so bekam er diese Arbeit.
Nun machte ihm das Lernen Spaß. Mit einem Buch über die Frösche und Schlangen des Urwaldes ausgerüstet setzte er sich hin und verglich die Tiere, die er gesehen mit den Bildern im Buch. Er lernte mit Begeisterung und wusste nun, was sein Traum wäre. Touristenführer zu sein und den Menschen, die sich für den Dschungel interessieren, den Dschungel zu erklären und zu zeigen. So dass die Menschen, die einmal hier waren, zurück in ihre Länder gingen und nicht mehr gleichgültig wären, wenn es um den Regenwald ging.
Der Junge stand noch ganz am Anfang, denn er sprach kein Englisch und die wenigsten Touristen sprachen Spanisch. So begann er, den Leuten, die auf die Plattform kamen und mithalfen, den Dschungel zu erklären. Er macht mit ihnen Touren und teilt mit ihnen sein Wissen. Seine Spezialität sind Touren in der Nacht. Mit einer starken Taschenlampe ausgestattet ziehen sie dann los im Regenwald. Nachts scheint der Junge besonders gute Augen zu haben. Er sieht Dinge, die sonst kein Mensch im Dunkeln erkennen würde. Er spürt einfach, wenn ein Tier in der Nähe ist und er hat ein sehr, sehr feines Gehör. Nachts ist es im Regenwald besonders laut. Es herrscht ein Zirpen und Quaken und Knacken und Knistern. Aus all den verschiedenen Geräuschen kann er heraushören, in welcher Entfernung sich welches Tier befindet. Kleine Eidechsen und Schlangen, die in den Ästen sind, sieht er fast in der Dunkelheit. Er weiß, wo sich die Vogelspinnen in den riesigen Bäumen verstecken und dass sie sehr lichtscheu sind. Um sie sehen zu können, darf man die Taschenlampe nicht direkt auf sie richten, denn sonst verschwindet sie in den Spalten des Baumstamms.
Zum ersten Mal hat der Junge das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Hier kann er all die Tiere und Pflanzen, die seit klein auf um ihn waren, studieren, mehr über sie lernen. Wie sie heißen und was es sonst noch Interessantes zu lernen gibt. Seine Erfahrungen und sein Wissen kann er an Menschen weitergeben, die in den Regenwald kommen, um mehr über den Dschungel zu erfahren. Seine Arbeit macht Sinn, denn wenn viele Menschen die Schönheit und die Wichtigkeit des Regenwaldes kennen lernen, dann wird er eher bewahrt werden als wenn jemand noch nie dort gewesen ist.
Ein Stück seines Traumes ist wahr geworden. Es ist ein Anfang, denn die Arbeit hier gibt ihm ein Dach über den Kopf und zu Essen. Verdienen tut er bei der Arbeit nichts. In seiner Freizeit arbeitet er daher wie üblich, mal hier aushelfen, mal da etwas machen. Und vielleicht wird er irgendwann mal die Gelegenheit haben, dass er von dieser Arbeit ein gutes Leben führen kann. Momentan ist das Leben hier im Regenwald für ihn immer noch sehr einfach und hart und gleichzeitig macht es ihm Spaß.
Und er hat noch einen weiteren großen Traum. Jetzt ist er siebzehn. Er hat seiner Mutter von seinem großen Traum erzählt, dass er, wenn er 18 Jahre alt ist, in ein anderes Land reisen möchte, um zu sehen, wie es dort ist. Am liebsten nach Deutschland. Doch dies ist noch ein Traum, der umgesetzt werden will. In der Zwischenzeit ist er im Dschungel und erklärt den Menschen, die dorthin kommen den Regenwald. Und vielleicht eines Tages, wird sein Traum in Erfüllung gehen und er kommt nach Deutschland.“
Der Traumfänger senkte seine Stimme. Berta würde am liebsten wissen, wie es mit dem Jungen weitergehen wird. Am liebsten würde sie ihn mit nach Deutschland nehmen, wenn sie wieder zurück kehrt. Und doch weiß sie, dass jeder selbst seinen Traum verwirklichen muss.
1 Gedanke zu „Berta und der Traumfänger @ Leander und Julia“