Esmeralda @ Leander & Julia

Bertha gewöhnte sich an das Reisen. Immer wieder sah sie andere Orte, andere Menschen, andere Tiere, andere Dinge und andere Länder. Es gab so viel zu entdecken! Mittlerweile war sie auf den Galapagos Inseln angekommen. So musste das Paradies ausgesehen haben, dachte sie sich. Hier ist alles so ganz, ganz anders. Sie kam gar nicht mehr aus dem Staunen heraus. So viel unberührte Natur und so viele ungewöhnliche Tiere. Dies war ein ganz besonderer Ort, Bertha spürte es sofort, als sie das türkisfarbene Meer sah.

Heute durfte sie mitkommen, um ins Hochland zu gehen, dort wo viele Riesenschildkröten lebten. Alle um sie herum waren ganz aufgeregt, es musste wohl etwas ganz besonderes sein, diesen Tieren zu begegnen. Bertha war mächtig gespannt.

Nachdem sie bei den Riesenschildkröten angekommen waren, schaute sie sich um. Oh war es hier schön saftig grün. Hier ging sie gerne spazieren. Und dann sah sie die gigantischen Tiere. Überall waren ihre großen dunkelbraunen Panzer zu sehen. Die meisten lagen unbeweglich da. Manche bewegten sich langsam und bedächtig. Es ging eine majestätische Ruhe und Gelassenheit von ihnen aus.

Bertha beobachtete die Menschen um sie herum, die leuchtende Augen bekamen, wenn sie wieder eine Schildkröte entdeckt hatten. Irgendetwas muss mit den Menschen passieren, wenn sie den Tieren begegnen. Da Bertha ein neugieriges Kamel war, trottete sie los, um dies herauszufinden. Es dauerte nicht lange und Bertha begegnete einer riesigen Schildkröte, die gerade ihren Kopf langsam hob und in Berthas Richtung blickte. Freundlich lächelte sie Bertha an. „Guten Tag, liebe Schildkröte, ich bin Bertha.“ „Guten Tag, Bertha! Wo kommst du denn her? Ein Tier wie dich sehe ich zum ersten Mal. Ich bin schon sehr, sehr alt und habe wahrlich bereits vieles gesehen.“ „Ich bin ein Kamel auf Reisen.“ Mehr wollte Bertha gar nicht erzählen, sonst würden sie noch heute Nachmittag hier stehen. Sie wollte ja herausfinden, was es mit den Schildkröten hier auf sich hatte. Die riesige Schildkröte lächelte und gab sich mit der Antwort zufrieden. Sie schien wohl zu ahnen, dass Bertha etwas auf dem Herzen lag. „Verzeihung, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe,“ entschuldigte sich die Schildkröte. „Ich bin Esmeralda und bin bisher nie weit gereist. Ich habe mein ganzes Leben hier auf dieser Insel verbracht. Du hast so einen fragenden Blick oder täusche ich mich da?“ lächelte sie gutmütig. Bertha senkte den Blick. Woher sie das wohl wusste. „Ja, das stimmt. Ich bin neugierig und habe eine Frage an dich, die mich wirklich beschäftigt. Als ich mich hier ein wenig umgesehen habe, ist mir aufgefallen, dass alle Menschen, die Nähe von euch suchen. Sie scheinen ganz verzückt zu sein, machen wie wild Fotos und strahlen um die Wette. Hast du eine Ahnung warum sich die Menschen hier so seltsam verhalten?“ Esmeralda wartete ein Weile, bevor sie zu reden ansetzte. „Du hast eine gute Beobachtungsgabe Bertha. Diese Frage wurde mir heute zum ersten Mal gestellt. Die meisten, die mich etwas fragen, sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie sich die Zeit nehmen, um mal auf ihre Umgebung zu schauen. Das ist eine wichtige Gabe, die du hast – nicht nur nach innen, sondern auch ab und zu mal nach außen zu schauen und dir Fragen zu stellen.“ Bertha begann gerade ungeduldig zu werden, als Esmeralda weitersprach. „Nun aber zu deiner Frage. Wir Schildkröten werden in der Regel sehr, sehr alt und haben dadurch die Möglichkeit, viele verschiedene Erfahrungen zu sammeln. Viele halten uns für weise. Viele sind auf der Suche nach etwas, sie suchen Antworten auf ihre Fragen und viele wissen noch nicht einmal, welche Fragen in ihnen stecken. Bertha, wir sind eine Spezie, die vom Aussterben bedroht ist. Einige unserer Unterarten sind bereits ausgestorben.

Wir waren früher als noch keine Menschen auf diesem Planeten lebten, unbezwingbar. Kein anderes Tier konnte uns etwas anhaben. Unser starker Panzer schützte uns und wenn Gefahr drohte, dann zogen wir den Kopf ein und legten unsere Vorderfüße davor, so konnte uns niemand etwas anhaben. Wir waren frei und stolz und lebten friedlich im Einklang mit der Natur. Wenn die Schildkröten aus ihren Eiern schlüpften, dann gehörte es dazu, dass Vögel einige der kleinen Schildkrötenbabys auffraßen. Das war das Gesetz der Natur.

Dann kamen die Menschen, es waren damals Piraten und Seefahrer, die auf die Inseln kamen, um frisches Wasser aufzufüllen und Nahrung zu besorgen. Sie sahen uns und wir waren für sie eine leichte Beute. Unser Fleisch wurde gegessen und aus unserem Fett wurde kostbares Öl hergestellt.

Gegen die Waffen der Menschen konnten unsere Vorderfüße und unsere Panzer nichts ausrichten. So wurden wir fast ausgerottet.

Uns heute zu treffen, zeigt den Menschen, wie großartig die Natur ist und wie schnell sie durch den Menschen unwiederbringlich zerstört werden kann. Vielen wird dann zum ersten Mal bewusst, dass sie nur ein winziges Teilchen auf der Erde sind.

Ich habe dir bereits gesagt, dass ich seit vielen Jahren hier auf der Erde bin. Ich bin noch eine der wenigen Schildkröten, die in Freiheit geboren wurden. Heutzutage, da wir bedroht sind, werden unsere Eier, die wir begraben, geortet und bewacht und bevor die Schildkröten schlüpfen, werden sie in die Aufzuchtstation gebracht, damit auch alle der schlüpfenden Schildkröten überleben werden. Ich werde niemals das Gefühl vergessen, wie es war, aus diesem engen kleinen Ei zu schlüpfen und mir dann den Weg aus dem Sand zu bahnen. Es war eine sehr erschöpfende Arbeit, die sich gelohnt hat. Ich habe mich selbst ausgegraben und bin dann auf Entdeckungsreise gegangen. Heutzutage haben unsere Babys dieses Glück nicht mehr. Sie werden behütet und beobachtet, kommen in Gehege, man kümmert sich um sie. Irgendwann, wenn sie groß und stark genug sind, werden sie dann auf der Insel freigelassen. Nun bin ich ins Reden geraten. Ich wollte dir eigentlich etwas ganz anderes erzählen.

Warum die Menschen von uns fasziniert sind? Wir nehmen uns Zeit. Zeit, um unseren Weg zu gehen. Und wenn wir ihn gehen, gehen wir ihn unbeirrt weiter. Nur Weniges kann uns aufhalten. Zudem kommt noch, dass wir einen sehr, sehr langen Atmen haben. Wenn uns etwas nicht gleich gelingt, so machen wir weiter, denn wir sind uns sicher, dass uns genug Zeit bleibt, um anzukommen. In der Welt von heute muss alles schnell, schnell gehen, da nahmen sich viele nicht mehr die Zeit, um ihre Ausdauer zu testen und geben auf. Vielleicht werden wir für unsere Ausdauer ein wenig bewundert. Und dann, dann kommen viele Menschen zu uns, die, wenn sie uns sehen, sich etwas wünschen. Einen Herzenswunsch wünschen, weil sie glauben und hoffen, dass dann ihr Herzenswunsch in Erfüllung gehen wird. Ich spüre es sofort, wenn so ein Mensch vor mir steht. Ich kann das Herzklopfen spüren und die Aufregung. Wenn es soweit ist, dann schaue ich dem Menschen freundlich in die Augen und nicke anerkennend. Ich finde es nämlich schon eine große Leistung, wenn jemand es wagt, sich seinem Herzenswunsch zu stellen, ihn zu hören und nicht zu leugnen. Wie viele Menschen leben auf diesem Planeten und wagen es nicht, nach ihrem Herzenswunsch zu suchen, weil sie Angst haben, er könnte zu groß für sie sein? Menschen, die es wagen, ihren Herzenswunsch auszusprechen, haben einen richtig großen Schritt gemacht. Wenn ich in ihre strahlenden Augen blickte, dann verrate ich ihnen mein Geheimnis. „Niemand wird dir deinen Wunsch erfüllen. Du ganz alleine bist dafür verantwortlich, dass er sich erfüllt. Das Gute daran ist, dass du es in der Hand hast. Du bist von niemandem und von keinen Umständen abhängig.“ Manche Menschen nehmen meine Botschaft gar nicht wahr, weil sie bereits davon geeilt sind, um noch ein paar Fotos zu schießen. Diejenigen jedoch, bei denen die Botschaft ankam, werden sich bewusst, wie viel in ihnen steckt und was sie alles ermöglichen können.“

Bertha hatte aufmerksam zugehört. Das klang ja fast unerhört. Alle meine Wünsche können in Erfüllung gehen…. durch mich! Bertha brauchte nun Zeit, um das Gehörte sacken zu lassen. Sie bedankte sich und verabschiedete sich von Esmeralda.

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