Schule? Ja klappt das denn?

Diese Fragen werden uns bei jeder Begegnung immer gestellt. Neulich habe ich auch von einem Freund eine lange Email erhalten, in der er mich danach fragte. Schule machen wir auch auf unserer Reise. Wir haben uns 2 Bücher mitgenommen für die 5. und die 6. Klasse, in der der Stoff in Mathe, Deutsch und Englisch mit Erklärungen und Aufgaben zusammengefasst sind. Davor hatten wir noch Englischarbeitshefte dabei, die wir bereits durchgearbeitet haben.

Das Thema Lernen ist auf der Reise für mich bislang die größte Challenge. Denn, wenn es ans Lernen geht, jubeln unsere Kids nicht Hurra und kommen mit ihren Heften angerannt. Es zieht sich zäh wie Kaugummi hin. Oftmals diskutieren wir länger darüber, wann und was gelernt wird als die eigentliche Lernzeit. Und wenn wir dann mal beim Lernen sind, wird über die Inhalte diskutiert. Cayo beschwert sich über söllig sinnlose Diktate. Und da muß ich ihm sogar Recht geben. Die Inhalte der Diktate sind alles andere als spannend und oftmals wirklich schwachsinnig. Wir hatten es auch eine zeitlang versucht, spannende Themen zu nehmen, bspw. Artikel über Tiere in Wikipedia abzuändern. Das ist ganz schön schwierig und die Kids diskutierten dann mehr mit uns darüber, warum wir die Diktate so schwer machten. Also Lerninhalte so zu verpacken, dass die Kinder Spaß und Motivation am Lernen haben, ist eine wirkliche Kunst. Ich würde mir wünschen, solche Lehrmaterialen in der Hand zu haben.

Das Lernen mit den Kindern ist ein Auf und Ab. Es gibt Zeiten, da funktioniert das ganze „recht stressfrei“ und dann wiederum geht gar nichts. Dann gibt es auf allen Seiten Stress, Generve und Tränen. Ich war schon so weit, dass ich eine Zeit lang mit dem Lernen mit den Kids ausgesetzt habe und Flo alles alleine gemacht hat, da es so überhaupt nicht klappte. Es ging erst wieder besser, als ich losließ und mir sagte, „wenn die Kinder nicht all die Inhalte so lernen, wie ich es mir wünsche, geht die Welt auch nicht unter. In der Schule werden sie auch nicht mit Begeisterung Sachen lernen, die sie nicht möchten. Hier auf der Reise lernen sie auch – weniger für die Schule, sondern fürs Leben.“ Wenn ich nun schaue, wie Silas hier die Leute auf Englisch anspricht und fragt, dann denke ich, dass die Kinder auf eine ganz andere Art und Weise hier Wissen mitnehmen, dass ihnen niemand mehr nehmen kann.

Mir ist auch bewusst geworden, was für unterschiedliche Lerntypen die beiden doch sind. Silas hat es mittlerweile kapiert, dass er, wenn er kooperativ ist, alles schnell hinter sich bringen kann und so Zeit spart für die Dinge, die er lieber macht, anstatt zu lernen. Nur wenn die Diktate allzulange werden, dann wird er auch pampig. Silas ist froh, wenn seine Lektion beendet ist. Es interessiert ihn auch nicht, wie sein Lernfortschritt ist oder die Lektion, die er gemacht hat, abzuhaken.

Cayo ist da ganz anders gestrickt. Autonomie ist für ihn das Wichtigste. Wenn er keine Wahl hat, dann fühlt sich das für ihn wie Folter an. Seitdem wir ihn die Lektionen, die zu machen sind, selbst aussuchen lassen bzw. aus den Diktaten, diejenigen, die es noch zu machen, ist er wie ausgewechselt. Er weiß, dass er am Ende alle Lektionen und Diktate machen muss. Für ihn fühlt es sich jedoch ganz anders an. Und wenn er sein Diktat beendet hat, dann hakt es es selbst bei mir in Evernote ab und sucht sich die entsprechenden Smilys aus. Wie unterschiedlich Kinder doch sein können.

Wenn ich manchmal daran zweifle, ob wir den Kindern „genug“ beibringen, dann sage ich mir immer, dass sie hier „nicht für die Schule“ lernen sondern fürs Leben. Wenn ich sehe, wie die Kinder sich in neuen Ländern und Kulturen zurechtfinden, ohne Vorurteile zu haben und viel, viel mehr wahrnehmen, als wir so auf den ersten Blick denken, dann bin ich mir sicher, das wir das Richtige mit dieser Reise getan haben. Wenn die beiden losziehen, um am Lehmkiosk in Tansania ihre Flasche Cola zu kaufen und dabei ein Kauderwelsch aus Englisch und Swahili sprechen. Wenn sie den Menschen in der Landessprache „hallo“ sagen und „danke“ oder in Südamerika auf dem Fussballfeld spielen und auf Deutsch, Englisch und Spanisch den Mannschaftskameraden zurufen.

Ich erinnere mich daran, wie sehr Cayo der ganze Plastikmüll am Strand aufregte und wir dann an einem Nachmittag den Strand auf Galapagos sauber gemacht haben, an die Fragen über die Jungs im Projekt von den Straßenkindern, an die Fassungslosigkeit im Apartheidsmuseum, warum so etwas geschehen konnte und keine anderen Länder eingegriffen haben, an das Museum im Sklavenmarkt und das lange Gespräch über Skalverei früher und auch heute. Neulich erst habe ich mit den Kindern geredet und Cayo meinte, dass er sich die Welt nir so krass vorgestellt hätte. „Was meinst du denn damit?“ „Dass es so viel Armut auf der Welt gibt.“

Die beiden lernen hier auf der Weltreise, wie viel es noch zu tun gibt, um in einer Welt zu leben, so wie sie wir uns wünschen.

Ich würde mir wünschen, dass alle Kinder die Möglichkeiten haben, nicht nur für die Schule zu lernen, sondern auch fürs Leben. Zu sehen, was für andere Länder und Kulturen es auf diesem Planeten gibt. Wie aktuell viele Probleme wirklich sind: Plastikmüll, Wilderei, Kinder, die nicht zur Schule gehen können, Armut, ….

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