Nachdem wir mit dem Auto einmal durch Kibera gefahren sind, googelten wir ein wenig, da uns die Bilder nicht so schnell losließen. Wir fanden heraus, dass Touren angeboten wurden, den Menschen Kibera zu zeigen, „Kibera, eines der freundlichsten Slums der Welt“. Die Tourguides kommen selbst aus Kibera. Wir treffen uns in der nähe von Kibera in einem kleinen Einkaufszentrum. Als wir auf die Karte schauen, sehen wir, dass unser Haus recht in der Nähe ist und wir zu Fuß dorthin gehen können. Unsere beiden Guides kommen auch aus Kibera. Sie zeigen uns ihr Viertel.
Kibera bedeutet Wald. Während der kolonialzeit kämüften die Nubier in der britischen Armee. Als Bezahlung erhielten sie Land vor den Toren Nairobis – ein Stück bewaldetes Land: Kibera.
Als die Menschen später in die Stadt zogen, konnten sie sich die teuren Mieten in Nairobi nicht leisten und siedelten sich in Kibera an. So ist Kibera eine ganz bunte Mischung aus vielen verschiedenen Kulturen, Ländern, Sprachen. Es ist nicht so wie in vielen anderen Slums, dass sich die gleichen Stämme am selben Ort niederließen. In Kibera wohnt jeder irgenwo verteilt, dort wo es Platz hat. Diese bunte Durchmischung ist sehr friedlich. Es gibt kaum Konflikte zwischen verschiedenen Stämmen.
Zuerst besuchen wir den Toi Market. Das ist einer der grüßten Second Hand Märkte in der Gegend. „Du kannst hier alles kaufen: außer Waffen und Autos!“, so der Bryan, unser Guide. Der größte Bereich ist der Verkauf von Altkleidern. Sie kommen von USA und dem Westen hier als Kleiderspende her. Die Altkleiderinstrie macht daraus ein großes Geschäft und die Kleider werden hier verkauft. Wir sind empört, dachten wir doch, dass unsere gespendeten Kleider einem guten Zweck zukommen. Silas und Cayo ärgern sich richtig darüber und fragen nach. Ich will später einmal recherchieren, ob es auch Organisationen gibt, bei denen die Kleider auch dort ankommen, wo sie wirklich gespendet werden. Der erste Teil ist der open air market: Dort sind die Stände im Offenen. „Es wird hier auch nicht gehandelt. Die Preise stehen auf den Schildern“. Die Menschen schauen uns neugierig an. Ich fühle mich hier sicher. Dann gehen wir weiter in den Markt hinein, in an den kleinen Buden vorbei, es gibt hier Gemüse, Fleisch, Fisch, Gewürze,…. Eine olfaktorische Herausforderung, denn Mülleimer gibt es keine. Seitlich gibt es eine Rinne, dort pinklen Kinder hinein, wird der Müll hineingeschmissen bzw., einfach auf die Straße… Müllberge gibt es überall. An manchen Stellen wird der Müll verbrannt. Immer tiefer gehen wir ins Viertel, immer enger werden die Gässchen. Mittlerweile bin ich sehr froh darüber, dass die beiden Guides mit uns unterwegs sind. Hier würde ich mit Sicherheit nicht alleine durchlaufen. Obwohl die Guides meinten, dass wir sie fragen können, ob es angebracht ist, Fotos zu machen, kommt mir in diesen engen Gassen nicht der Gedanke auf. Es ist einfach unpassend.
Wir haben Sonntag. Aud vielen den Wellblechhütten, die als Kirche fungieren ertönt laute, fröhliche Musik. Die Menschen singen, tanzen, klatschen. Es ist eine sehr frühliche Kirche, die wir hier erleben und es gibt hier, sehr viele Kirchen aller Richtungen. Die Menschen aben sich schön gemacht. Haben ihre beste Kleidung angezogen. Die Mädchen und Frauen haben teilweise Ballkleider an. Was für krasse Bilder ich sehe. Diese bittere Armut und dann die Menschen in ihren besten Kleidern! Diese Bilder werden mir nicht so schnell aus dem Kopf gehen.
In Kibera gibt es klein fließendes Wasser in den Häusern. Es gibt den Wasserverkäufer, der 20l Kanister verkauft für 5 Schilling, umgerechnet 4 Cent. Strom gibt es offiziell auch keinen, der ist zu teuer. Es gibt jedoch Kibera-Strom, Strom, der illegal angezapft wird. Dies ist sehr gefährlich. Es sterben immer wieder Menschen, die es versuchen und nicht wissen, wie es geht. Es gibt daher Strommänner. Sie zapfen illegalen Strom für einen und man bezahlt ihnen monatlich eine Gebühr.
Als wir so durch die Gassen gehen, folgen uns vor allem Kinder, die uns neugierig betrachten. Ein ganz dunkles Mädchen in einem weißen Pailettenkleid folgt mir ganz dicht. Immer wider streift sie an meinem Arm anscheinend unbeabsichtigt vorbei. Als ich sie ansehen, lächelt sich mich an. Die Kinder sind auch sehr auf Cayo fixiert (da Silas mittlerweile größer als ich bin, haben die Kinder vor ihm wohl zu viel Respekt) und berühren auch ihn. Cayo ist das unangenehm. Ich erkläre ihm, dass sie einfach wissen wollen, wie sich weiße Haut anfühlt. „Aber das ist doch ganz klar, das fühlt sich doch genauso an!“ Cayo versteht es nicht. „Nur die Kinder hatten noch nie die Gelegenheit, einen Weißen anzufassen.“
Wie besuchen eine Initiative, die vor über 10 Jahren gegründet wurde, um jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, Geld zu verdienen und etwas zu lernen. Die Gründer, junge Leute aus Kibera hatten sich überlegt, wie sie Geld verdienen könnten. Sie wollten Dinge ricyceln, das ist günstig und sinnvoll. So kamen sie auf die Idee, aus alten Kuh- und Kamelknochen und Kuhhörnern Dinge zu machen: Schmuck, Löffel und anderes. Wir stehen vor einer winzigen Wellblechhütte, der Werkstatt. Ich bin froh, im Schatten stehen zu können, es ist mitlerweile ziemlich heiß geworden. Normalerweise würden nun 15 Leute hier arbeiten. Es ist jedoch Sonntag, da ist frei. Wir sehen eine Maschine in der Ecke stehen, das Herzstück! Auf den ersten Blick sehen wir, dass es eine deutsche Maschine ist. „Die deutschen Maschinen sind einfach die besten!“ lacht uns der Gründer ins Gesicht. „Anfangs haben wir die Schlachthöfe gebeten, uns die Knochen für uns aufzubewahren. Als sie gesehen haben, dass wir daraus Dinge machen und verkaufen, haben sie begonnen, Geld dafür zu nehmen. Es ist jedoch ok., wir zahlen ihnen etwas und kommen so an unser Rohmaterial. Um nachzuweisen, dass wir kein Elefenbein verwenden, gibt es Kontrollen und wir haben ein Zertifikat. Wir sind hier wie eine ganz normaler Firma angemeldet. Wir zahlen Steuern etc. 60% unserer Produktion verkaufen wir ins Ausland, nach Kanada. Eine Kanadierin verkauft die Sachen dort weiter an kleinere Läden. Den Rest verkaufen wir hier an die Touristen. Das Geld, das wir einnehmen wird folgendermaßen verteilt: ein Teil wird zurückbehalten für die Miete und die Wartung der Maschinen und Werkzeuge und den Rest teilen wir unter uns auf.“ Im Projekt arbeiten sowohl Frauen als auch Männer. Wir schauen uns an, was hier produziert wird. Ketten, Armbänder, aus Olivenholz angefertigte Schalen und Löffel, die mit Knochenornamenten verziegt sind, Schlüsselanhängern aus Horn,… Der Gründer macht einen fitten Eindruck. Sie haben sogar einen kleinen Flyer drucken lassen, ein Mädel, das hier arbeitet, hat Fotomodel gespielt. Es gibt einen kleinen „Katalog“ mit Fotos der Produkten und dem festgelegten Preis. Flo und ich haben zur gleichen Zeit den gleichen Gedanken. Wie wäre es, wenn wir diese Organisation in Deutschland unterstützen, indem wir ihre Dinge in Deutschland verkaufen? Wir reden mit ihm und fragen genauer nach: Zoll, Papierformalitäten,… Wir wollen in Kontakt bleiben.
Nur ein paar Meter weiter entfernt ist die Hütte der Kibera Women Power Group. 2006 haben sich ein paar Frauen, die sich vom Krankenhaus her kannten (alles von ihnen sind HIV infiziert) zusammengeschlossen, anfangs, um sich auszutauschen. Sie haben schnell bemerkt, dass sie als HIV-Infizierte ausgegrenzt werden und keine Chance haben, eine Arbeit zu finden. Daher haben sie beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen. „Die Menschen denken hier, dass Aids durch das Schütteln der Hände übertragen wird, oder durch das Tragen der Kleidung, wir wollten etwas gegen dieses Unwissen tun.“ Sie fingen an, aus traditionellen Stoffen Dinge zu nähen, Hosen, Röcke, Taschen, …. Sie machen aus Papier bunte Perlen und Ketten, Armbänder… und haben eine Kinderbetreuung für 10 Kinder zwischen 6 Monaten und 3 Jahren, so dass die Mütter aus Kibera ihre Kinder hier über den Tag abgeben können und arbeiten.
Wir sehen uns ein wenig um. Da Sonntag ist, ist die Krippe geschlossen. Auf dem Boden liegt Mark, der 6 Monate alte Sohn einer der Frauen. Seitlich stehen 3 alte Singer Nähmaschinen, der Rest ist Aufenthalts- und Ausstellungsraum.
Die Sachen, die die Frauen herstellen, gefallen mir und auch Rosemary, die den Hut aufhat, ist sehr sympathisch. Als wir die Hütte verlassen, geht mir eine Idee nicht mehr aus dem Kopf….
Wir steigen weiter hinaub in die engen Gassen und besuchen ein Biogaswerk. Mitten im Gewimmel steht ein kleiner Turm, in dem Biogas hergestellt wird, so dass die Menschen hier keine Holzkohle mehr verbennen müssen. Hier gibt es auch ein paar Toiletten und Duschen, die die Menschen gegen eine monatliche Gebühr benutzen können.
Wir gehen zu einer Anhöhe. Von dort aus kann man über die Dächer von Kibera sehen. Ein Anblick, der mir unter die Haut geht. Ich denke daran, wo und wie wir wohnen ganz in der Nähe mit Mauern, Stacheldraht und Pförtner. Wir stehen vor Bahngleisen. Mitten durch Kibera geht die wichtige Zuglinie, die Ostafrika mitienander verbindet. Mehrmals am Tag fahren Züge hier durch. Manchmal fährt auch der Müllzug durch, der den Müll aus dem Slum schafft. Ich frage nach, wie häufig der Müll abgeholt wird. Meine Frage wird nicht sofort verstanden, es ist wohl zu Deutsch, wenn ich von Regelmäßigkeit spreche. Das ist unterschiedlich, dann, wenn es der Regierung einfällt. Mal einmal im Monat, machmach monatelang gar nicht.
Am Ende gehen wir ins „Büro“, das ist eine der Hütten. Wir sehen, wie die Menschen innerhalb dieser kleinen Hütte wohnen, ca. 7x7m. Normalerweise wohnt hier eine Großfamilie mit 7 Leuten. Es gibt ein Wohnzimmer, dann abgeteilt durch ein Tuch das Schlafzimmer und die Küche. Fenster gibt es keine. Es ist eng hier, als wir zu sechst im Raum sitzen und die Tour bezahlen.
Es war eine sehr aufschlußreiche Tour. Wir sind alle erschöpft, nicht nur vom Gehen und der Hitze, sondern auch von all den Eindrücken, die wir hier aufgenommen haben.
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