Nun ist die erste Hälfte des Austauschprogramms unserer Jungs zu Ende. Die ersten 6 Monate waren sie ja bei ihren Gastfamilien in Paris und Madrid. Nächste Woche werden die beiden dann wieder nach Deutschland zurückkehren. Eine Woche später kommen dann der französische und spanische Gastbruder für 6 Monate zu uns.
Zeit, ein kleines Fazit über den ersten Teil zu schreiben. Zu Beginn, noch ohne Corona, ernteten wir bereits skeptische Kommentare, dass wir unsere Jungs in so einem jungen Alter ins Ausland „schicken“ bzw. „abgeben“. Wir hatten bereits im Februar 2019 mit dem Austausch begonnen und den französischen Gastsohn bei uns. Dann kam der Lockdown und keiner hatte eine Ahnung wie es mit Corona weitergeht. Daher wurde der Austausch Ende März unterbrochen und Flo fuhr unseren Gastsohn mit Sondergenehmigung über die bereits geschlossene Grenze, um ihn auf der anderen Seite seinem Vater zu „übergeben“. Für alle Familien war klar, dass wir den Austausch fortsetzen bzw. für die spanische, dass sie den Austausch durchführen wollen.
Nach den Sommerferien 2020 war es dann soweit. Corona gab es immer noch, obwohl wir lange gehofft hatten, dass sich das Thema „irgendwie“ lösen würde – tat es jedoch nicht! Wir haben viel miteinander und mit den Kindern diskutiert und uns mit den Gasteltern ausgetauscht. Das Ergebnis: alle entschieden sich für den Austausch. Wir wussten dass, wenn es wieder einen harten Lockdown geben sollte, wir unsere Kinder zurückholen würden – dies hatten wir klar kommuniziert und es gab uns eine Sicherheit in diesen unsicheren Zeiten.
Die Reaktionen auf das Fortsetzen des Austauschs waren in unserem Umfeld sehr unterschiedlich und zum Teil ernteten wir echtes Unverständnis. Diese Entscheidung zu treffen fiel uns nicht leicht, vor allem weil wir ja nicht wussten, was auf uns zukommen würde, weder in Deutschland, noch in Paris bzw. Madrid. Was uns viel geholfen hat, war die Einschätzung der Eltern vor Ort und auch, was unsere Kinder uns widergespiegelt haben. Zudem wussten wir, dass sie sich in einem sicheren Umfeld in der Familie befanden und nicht durch die Gegend reisten, um sich auszuprobieren.
Es gab immer mal wieder Momente, in denen ich mich fragte, ob es eine gute Idee gewesen ist, den Jungs während Corona einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen, bspw. als die Fallzahlen in die Höhe stiegen oder es weitere Restriktionen gab. Diese Momente waren zum Glück recht selten.
Dem gegenüber standen viele Momente, in denen wir das Gefühl hatten, dass die Kinder mit Corona bzw. den entsprechenden Einschränkungen viel besser zurechtkamen als wir Erwachsene. Sie akzeptierten die Situation und tauchten in eine neue Kultur, ein neues Land, eine neue Sprache ein und wenn bzw. auch mit den Restriktionen und den vielen nicht umsetzbaren Möglichkeiten, Land und Leute kennenzulernen.
„Und wie ist das Leben ohne Kinder?“ war die Standardfrage, die uns gestellt wurde – selbst von unseren Kids! Eine längst nicht mehr erlebte Freiheit, seine Zeit selbstbestimmt einteilen zu können. Das war der größte Vorteil. Wir haben natürlich den Zeitgewinn genossen und gleichzeitig war es etwas seltsam ruhig in unserem Haus. Zum Glück gibt es unseren Hund, der nun quasi Einzelkind-Ersatz wurde. Vieles änderte sich: was bei uns im Einkaufswagen landete – ein seltsames Gefühl, nicht mehr das Lieblingsjoghurt, den Lieblingskäse der Kinder in den Einkaufswagen zu legen, nur noch für 2 Personen zu kochen, … Wir haben sage und schreibe grade mal dreimal in den letzten 6 Monaten Nudeln gekocht! Ich habe es wirklich genossen, keinen Geschwisterstreit mehr zu erleben oder Diskussionen, wer bereits wie viel und wobei mitgeholfen hat und daher nun nicht an der Reihe ist, keiner Wäsche mehr hinterherzulaufen etc.
Was uns wirklich sehr beim Loslassen geholfen hat, war die Regelung von En Famille (die Austausch-Organisation), dass es nur einmal wöchentlich einen Telefonkontakt zu den Kindern gab, so dass sich die Kinder voll im neuen Land und in der neuen Familie einleben können. Und Loslassen, das haben wir wirklich müssen! Selbst wir, die so gar keine Helikopter-Eltern sind und den Kids viel zutrauen, hatten das eine oder andere Mal echt zu schlucken, weil wir loslassen mussten und darauf vertrauen, das das Kind vor Ort eigenständig bzw. mit Hilfe der Betreuerin der Organisation eine Lösung finden wird. Wenn es auch nur wenige Situationen waren, so war es für mich doch nicht einfach, so weit weg zu sein. Als sich dann alle in ihrem neuen Leben eingelebt hatten und „angekommen“ waren, so hatte ich teilweise bei den Telefonaten, wenn die Kinder von ihrem Leben und ihrem Alltag sprachen das Gefühl, dass ich mich mit einem Studenten unterhalte, der aus seinem Leben spricht – da war gar kein „Austauschfeeling“ mehr! Es war fast so, als ob sie ihr Leben dort leben würden und wir unseres. Ich dachte manchmal, dass unsere Kinder nun ganz „ausgezogen“ sind – und wir Eltern nicht mehr gebraucht würden…
Gerade im letzten Monat ist uns aufgefallen, wie sehr sich die Kinder verändert haben. Sicherlich sind sie nicht nur 6 Monate älter geworden, sondern haben so viele und vielfältige Erfahrungen gemacht, sei es in der Familie, in der Schule, in ihrem Freundeskreis: das spiegelte sich bereits in den Telefonaten mit ihnen wieder. Und auch die gegenseitige Neugierde, was sich beim anderen und für die Kinder bei uns zu Hause wohl alles verändert hat.
Ich muss sagen, dass auch wir Daheimgebliebenen uns verändert haben. Wir hatten Zeit, Projekte in Angriff zu nehmen, die wir schon immer mal machen wollten und uns auch mehr mit uns selbst zu beschäftigen.