Abenteuer Zugfahren in Indien

Das beginnt ja bereits schon beim Fahrkartenkauf und setzt sich durch alles fort.

Da wir recht früh dran sind und es bereits echt heiß ist, setzen wir uns wie all die anderen indischen Großfamilien in der Halle auf den Boden. Wir werden von allen neugierig beäugt. Dann kommt die Bahnhofsvorsteherin und scheucht alle weg. Wir sollen am Gleis warten, da hat es mehr Platz. Um auf den Bahnsteig zu kommen, müssen wir unsere Fahrkarten zeigen und durch die Sicherheitskontrolle. Unser Gepäck wird durchleuchtet, wir auch und dann auch noch abgetastet. Für uns Frauen gibt es dafür immer eine separate Kabine. Am Bahngleis ist es noch voller, Menschen liegen einfach auf dem Boden und schlafen, Säcke werden auf Karren durch den Bahnhof gefahren und dazwischen rennen Affen herum. Ganz normaler indischer Alltag.

Wir sehen, dass der Zug 1,5 Stunden Verspätung hat. Na, das kann ja heiter werden. Cayo ist schon wieder völlig genervt und regt sich darüber auf, dass wir auch mit dem Zug fahren müssten. Ich vertröste ihn auf die Zeit in Japan. Da sind die Züge minutengenau pünktlich und ich male ihm in den schönsten Farben das Fahrgefühl aus, in einem Shinkansen zu sitzen, in der Hoffnung, dass er sich wieder beruhigt. Wir sehen einen Kiosk – das ist die Rettung: wir kaufen ein Jumbo Action Workbook und eine englische Autozeitschrift. Der Verkäufer kann es kaum glauben, dass sich ein kleiner Junge (Cayo) für Autos interessiert. Ich musste den guten Mann fast überreden, dass wir wirklich dieses Heft kaufen wollten. So nun sind wir für die Verspätung und die 14 Stunden Zugfahrt hoffentlich ausgerüstet.

Wir haben jede Menge Fragen. Zum Beispiel, wie wir herauskriegen, wo der Zug abfährt und wo unser reservierter Wagon halten wird. Neben Hindi werden auch latenische Buchstaben angezeigt. Aber eine Art Wagenstandsanzeige? Weit gefehlt! Als wir verschiedenen Menschen unsere Fahrkarte mit unseren reservierten Plätzen zeigen, schauen sie uns lächelnd an und lesen die Platznummern vor. Ja, soweit sind wir auch schon. Selbst die Leute von der Bahn können uns nicht helfen, unser Hindi reicht nicht aus und das Englisch der anderen verstehen wir leider so gar nicht. Ein Lichtblick am Bahnsteig ist ein Europäer, auf den Flo zielstrebig zusteuert. Als Expat, der hier arbeitet, hat er für uns den ultimativen Tipp. „Also ich weiß auch nie, wo die Waggons letztendlich halten. Ich gebe immer einem Gepäckträger ein paar Rupien fpr mein Gepäck und zeige meinen Fahrschein. Ich weiß zwar nicht wie, aber irgendwie schaffen die Träger es immer, dass ich mit dem Gepäck am richtigen Waggon lande.“ Das ist mal eine brauchbare Auskunft. Vor dem Bahnhof wimmelt es vor Trägern, hier auf dem Bahnsteig sehen wir gerade keinen. „Lass uns einfach unser Gepäck schleppen, dann kommt bestimmt jemand angerannt!“, war mein glorreicher Vorschlag. Wir schleppen unser Gepäck ein Stück weiter – mein Plan geht leider nicht auf. Von einem Träger keine Spur. Ich habe seit gestern echt starke Kopfschmerzen und mir ist übel. Kein guter Zeitpunkt dafür. Ich werfe mir eine Kopfschmerztablette ein und hoffe das Beste. Dann kommt ein Mann auf mich zu: „Porter, porter!“ Jaaa. Wir haben ihn – den Träger. Wir zeigen ihm die Fahrkarte und verhandeln den Preis. Er bleibt die nächste Stunde brav neben uns und als der Zug endlich ankommt, macht er sich ans Werk. Ich bin beeindruckt: wir haben 3 große Rucksäcke, die wir jeweils in eine Schutztasche stecken, so dass beim Fliegen keine Schnallen etc. abfallen können. Wir sind echt froh, dass wir die Taschen haben, unsere Rucksäcke haben so viel weniger Schmutz, Regen und sonst noch was abbekommen. Der Träger nimmt nun unsere 3 Rucksäcke: einen auf den Kopf und je einen Rucksack über die Schulter und so läuft er schneller am Bahngleis entlang als wir drei ohne Gepäck. Ich kann es kaum fassen und dabei sieht der Kerl gar nicht wie Rambo aus! Und er hat auch noch unseren Waggon gefunden! Das ist wie ein 6er im Lotto. Er bringt uns sogar das Gepäck in den Zug zu unserem Platz. Der Zug ist dunkel und eiskalt. Überall sind die Vorhänge zugezogen und es ist erstaunlich still. Flo will es genau wissen und fragt nochmals nach, was unsere Plätze sind. Unser Gepäck steht mitten im Gang und blockiert alles, immer wieder wollen andere Reisende durch, so dass ich als ich schließlich einen Platz entdeckt, habe, mich dorthin setze. Ach ja, hier gibt es keine Sitzplätze, sondern nur Betten. Ich sitze also oben auf meinem Bett und hoffe, dass sich alles irgendwie finden wird. In der Zwischenzeit habe ich eine weitere Kopfschmerztablette eingeworfen, um irgendwie über die Runden zu kommen. Unser Abteil sieht wie folgt aus. Es gibt 4 Betten, die durch einen Vorhang vom Gang abgetrennt sind. Die unteren Betten (sind immer für ältere Leute reserviert) haben sogar ein Fenster. Wir oben haben keine Aussicht. Auf der anderen Seite des Gangs gibt es noch 2 Betten. Wir haben 2 oben ergattert. Auf dem Bett liegt ein Kissen und eine Decke bereit. Wenig später kommt ein Servicemensch und bringt uns eine Papiertüte, in der sich ein Bettlaken und ein kleines Handtuch befindet. Ich habe mich oben auf dem Bett im Viererbereich eingerichtet. Es ist durch die Klimaanlage schweinekalt, die direkt neben mir an der Decke ist. Ich lege mich hin, ziehe mein Bandana und meine Fleecejacke an (zum Glück hat sie eine Kapuze) und ziehe mir die Decke über den Kopf. Immer wieder höre ich Leute durch den Zug ziehen, die irgendetwas verkaufen wollen: „Chai, Chai, chai,….“ „Coffee, Coffee, Coffee“ Tomatoe Soup, …“ Irgendwann kommt einer von der Bahn und nimmt die Abendessensbestellung auf. „Thali?“ Klingt gut. Wir bestellen 4 x Thali. Endlich etwas zu essen! Wir alle haben einen Bärenhunger. Das Essen kommt jedoch nicht. Auch nach 2 Stunden nicht. Vielleicht haben wir ja das Frühstück bestellt! Wir essen die letzten Vorräte: Bananen und anderes Obst. Ich habe mich damit abgefunden, dass es nichts mehr zu essen gibt und sage allen gute Nacht. Nach 20 Minuten duftet es himmlisch! Das Thali ist da. Auf einem Plastiktablett serviert mit vielen kleinen Aluschälchen. Reis, Dahl, Gemüse, Mangochutny aus der Tüte (ganz ekelig) und Chiapati und eine orangene, undefinierbare Sache. Von oben habe ich den Überblick und schaue dem Mitreisenden beim Essen zu. Das Orangene ist wohl der Nachtisch. Das Essen ist lecker, aber höllenscharf. Zum Glück haben wir bereits in Nepal und die Zeit in Indien uns langsam ans Scharfe herangetastet, sonst hätten wir die Feuerwehr gebraucht. So arg viel trinken will ich gar nicht, denn wer trinkt, der muss aufs Klo. Die Sache mit dem Klo! Beim ersten Versuch fand ich nur eine Stehtoilette, die nicht wirklich ansprechend war. Naja, in der Not geht ja bekanntlich alles. Beim zweiten Mal fand ich sogar eine Western Style Toilette, auch nicht so wirklich toll, jedoch immerhin. Als gute Deutsch ehalte ich mich natürlich an die vorgeschriebenen Regeln und warte vor der Toilette als wir am Bahngleis stehen. Die anderen Inder stört das nicht. Ein Inder schaut mich fragend an und ich erkläre, dass wir am Bahnsteig stehen und daher nicht auf die Toilette gehen. Er schaut konsterniert und geht. Die anderen Inder gehen einfach auf die Toilette, er stört sie werder, dass ich anstehe, noch, dass wir auf dem Bahnsteig sind!

Zurück lege ich mich nur noch hin und schlafe. Als ich aufwache, ist es draußen bereits hell. Ich werde nervös, denn im Zug wird kein einiger Halt angesagt. Und woher wissen wir nun, dass wir in Umaria angekommen sind? Der Zug hatte ja Verspätung. Nun wissen wir nicht, wann wir rausmpssen. Ich gehe den Gang entlang und frage einen Mann, der gerade wach ist. „Umaria?“ „More than 1 hour!“ Das klingt ja zumindest beruhigend. Ich wecke Flo, damit wir auf google schauen können, wo wir uns befinden. Nach einiger Zeit haben wir uns auf Google gefunden und sehen nun auch wo Umaria liegt. Es dauert lönger als wir dachten. So haben wir genpgend Zeit, unser ganzen Zeug zu packen, die Kinder zu wecken, die die Zugfahrt total entspannt fanden und herrlich geschlafen hatten und dann das ganze Gepäck raus aus dem Zug (es ist zum Glück immer noch da! Ich hatte erst Befürchtungen, es könnte Flpgel bekommen…. als unser Nachbar seinen Koffer mit einer dicken Kette und einem Schloss am Bett befestigte. Unser Gepäck ist wohl zu schwer fürs Entwenden…. oder es wurde einfach nichts geklaut. ) Ich bin Gottfroh, dass wir in der Lodge eine Abholung gebucht haben, denn ich bin fix und fertig, habe Kopfschmerzen und mir ist echt übel. Unser Fahrer hat seit fast 2 Stunden auf uns gewartet und wir fahren nun im bequemen Auto mit Klimaanlage die 60 km durch kleine Dörfer nach Tala und zu unserer Lodge.

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