Der Frisör kann noch möhr

Nach dem Friseur-Desaster in Soweto waren meine 3 Männer wirklich traumatisiert. Schon alleine, wenn ich das Wort Friseur in den Mund nahm, zuckten sie zusammen. So nach 3 Monaten wäöre es nun wirklich an der Zeit gewesen, dass sich die Jungs mal die Haare schneiden. Flo bekam immer mehr Ähnlichkeit mit einem Aussteiger, ich hatte schon Sorge, dass ein Ashram ihn mir abwerben könnte und die beiden Jungs sahen den Beatles immer ähnlicher….

In Jaipur in unserem Viertel sahen wir einen Männerfriseur und ich fragte Flo, ob er es noch einmal wagen würde und wie es mit seinem Mut stünde. Nur mit Flo (wir wollten die Kinder nicht weiter traumatisieren), spazierten wir abends dorthin. Ein kleiner Friseur Salaon, sogar mit einer Klimaanlage ausgestattet. Als wir hereintraten, schauten uns 3 sehr verdutzte Inder an. Hier hatte sich wohl bislang noch nie ein Europäer verirrt. Wir fragten, ob Flo seine Haare scheniden lassen könnte. Sicherlich. Flo nahm auf dem Stuhl Platz und bekam einen Prospekt in die Hand mit Frisurmodellen. Beim Anblick der Modelle musste ich mich kurz beherrschen, um nicht einen Lachkrampf zu bekommen, denn Undercut und andere „moderne“ Frisuren sind nun nicht das, was wir uns vorgestellt hatten. Ich konnte schon die ersten Schweißperlen auf Flos Stirn sehen…. Mutig stellte ich mich neben den Frisuer und zeigte an Flos Haaren, wie wir uns das ungefähr vorstellten. Dann griff der Friseur zur Schere und wir hielten den Atem an. Würde unsere englischen Erklärungen verstanden haben? Als er ein wenig schnippelte, sahen wir, dass er immer nur ein kleines Stück wegschnitt, so dass wir uns keine Sorgen machen mussten, dass Flo mit kahlem Schädel nach Hause kam. Der Friseur war wirklich gut, nahm sich seine Zeit und ich stand anfangs mit Argusaugen neben ihm, um alles zu überwachen und Flo zu beruhigen. Nach einer Weile hatten wir beide Vertrauen in ihn und ich setzte mich hin. Nun konnte ich das indische Friseursalonfeeling so richtig in mich aufnehmen. Oben in der Ecke war ein Fernseher angebracht, in dem eine indische Sitcom auf Hindi lief. Nachdem wir den Salaon betreten hatten, kamen immer mehr Leute herein, Anscheinend hatte sich unser Besuch hier wie ein Lauffeuer verbreitet und jeder wollte mit beim großen Happening dabei sein. Wir wurden über unsere Meinung über Indien ausgefragt und wie es in Deutschland so ist. An diesem Abend haben wir Deutschland als Botschafter wahrlich würdig vertreten: wir zeigten Fotos aus Deutschland, erklärten, was es bei uns so zu essen gibt und eine Traube von Männern hing über meinem Handy als ich die Schneebilder von Ostern zeigte. Schnee, das löst in Indien immer großes Erstaunen aus. Während Flo langsam aber sicher wieder zu dem Mann wurde, der er (zumindest haartechnisch betrachtet) vor der Reise war, konnte ich ein wenig der Sitcom folgen. Die Inder haben schon einen sehr eigenen Humor. Sie können sich seöbst sehr auf die Schippe nehmen.

Dann war es endlich soweit! Flo war nach gefühlten Stunden (was wohl die Jungs dachten, wo wir so lange blieben?) mit einem neuen und wirklich gutem Haarschnitt fertig. Das dachte ich zumindest. Nun kam der Friseur erst so richtig in Fahrt. Er verpasste Flo eine ausführliche Kopfmassage, die er dann auf Rücken und Arme ausweitete. Ich hatte das leise GEfühl, dass der Friseur eine Zusatzausbildung als Chiropraktiker hat, so wie er Flos Arme knetete und drehte. Flo schien dies alles als sehr angenehm zu empfinden und ich wollte eigentlich nur noch eines nach Hause! Die Massagesession beflügelte den Frideur noch mehr! Anstatt aufzuhören kam er nun mit einer kleinen Maschine an, die er sich an die Hand machte und Flo damit auf dem Kopf und am Nacken entlangfuhr. Er war wie ein Motor, der hin- und herrüttelte. Ich hatte kurz Angst um meinen Mann, doch Flolächelte nach der ersten Schrecksekunde und hielt tapfer durch. Als nun die Höllenmaschine wieder aus den Händen des Friseurs verschwunden war, kam noch eine Promotion Session. Mit einer Schere in der Hand wurde nun nachgestellt, wie er Flos Haare geschnitten hatte. Dann gab es noch die obligatorischen Selfies: nur mit Flo mit mir und Flo mit dem ganzen Familienclan, der sich mittlerweile hier versammelt hatte. Es wurden noch etliche Facebookontakte ausgetauscht, dann standen wir wieder auf der Straße. Was für ein Abenteuer! Es hatte sich gelohnt, Flo sah um 20 Jahre jünger aus!

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