Berta war kein gewöhnliches Kamel. Nein, Berta war ein Stadt-Kamel. Das zumindest dachte sie bis vor kurzem.
Wenn da nicht dieser Traum gewesen wäre, den sie immer und immer wieder träumte. Dann wachte sie morgens auf, rieb sich die Augen und überlegte, ob sie nur geträumt hatte oder ob alles echt und wahrhaftig passiert war. Meist waren es nur Bruchstücke, die aus ihrem Traum mit ins Jetzt rettete. Einmal war da das Gefühl von Weite, von einer bunten und so ganz anderen Welt als die, die sie kannte. Es kam ihr zwar fremd und gleichzeitig so vertraut vor, dass sie ganz verwirrt war. Sie ahnte mit jedem nochmals geträumten Traum, dass die Stadt, in der sie lebte und sich dort sehr bequem eingerichtet hatte, nicht alles sein konnte. Aber was konnte es denn sein, wenn nicht diese Stadt, die sie wie ihre eigene Hosentasche kannte? Gab es da etwas in ihrem Innern für das sie brannte, etwas, was sie schon immer einmal machen wollte und nie gewagt hat es zu denken?
Wo kämen wir hin, wenn jeder seine waghalsigen Träume einfach so in die Wirklichkeit umsetzen würde? Wer würde dann noch das ganze System am laufen halten? Wer würde dann noch arbeiten? Wer würde dann noch seine Pflichten erfüllen?
Berta schüttelte ihre Gedanken mit solch einer Vehemenz von sich, das die Höcker mächtig wackelten. Was fiele ihr denn ein, auch nur einen dieser Gedanken zu denken?
Und dann legte sie sich schlafen und träumte. Es waren wilde Träume, die ihr Angst machten. Schweißgebadet wachte sie auf. So konnte es nicht mehr weitergehen. Sie musste der Sache auf den Grund gehen. Sie musste diesen Träumen ein Ende bereiten.
Völlig verzweifelt trottete sie nach draußen und bat die Sonne um Hilfe. „Liebe Sonne, diese Träume müssen aufhören. Ich kann so nicht mehr schlafen und auch nicht mehr wach sein. Sie verfolgen mich, wo ich stehe und gehe.“ „Liebe Berta, diese Träume werden niemals aufhören, denn sie erinnern dich daran, was dir im Leben wichtig ist und was du bisher immer beiseite geschoben hast, weil andere Dinge wichtiger und dringender waren. Berta, du musst dich deinen Träumen stellen und herausfinden, was hinter diesen Träumen liegt. Was ist dein größter Herzenswunsch? Vielleicht ist es momentan ja bisher nur ein klitzekleines Gefühl, eine vage Idee, die du noch gar nicht fassen kannst. Nimm dir Zeit und schaue, welche Dinge dich begeistern.“
Berta bedankte sich höflich für den Rat der Sonne. „Du musst dich deinen Träumen stellen!“ brummte sie und zog von dannen.
Die Sonne hat da etwas in Berta losgetreten, denn eine vage Idee keimte in ihr auf. Sie erinnerte sich daran, wie ihre Urgroßmutter Salome von früheren Zeiten sprach, als sie in fernen Ländern unterwegs war und welche Abenteuer sie alles erlebt hatte. Berta saß als kleines Kamel immer ganz dicht bei ihr, um ja kein Wort zu verpassen. Am liebsten wäre sie mit ihrer Urgroßmutter in all die fernen und faszinierenden Länder gereist. Das war bereits sehr, sehr lange her und Berta hatte völlig vergessen, wie sehr ihr Herz immer pochte, wenn die Urgroßmutter zu erzählen begann.
Irgendwann war Berta kein kleines Kamel mehr und sie mochte es, all die Pflichten zu erfüllen, die es zu erfüllen gab. Sie war stolz darauf, so viele Dinge geschafft zu haben. Dies spornte sie dazu an, noch mehr Dinge umzusetzen, denn es war ein großartiges Gefühl, etwas geschafft und erreicht zu haben.
Nur jetzt kam mit einem Mal, ein klein wenig Wehmut auf als sie sich an Salome und ihre Abenteuer erinnerte. „Und wenn ich losziehen würde, die Welt zu entdecken?“ Dieser zaghafte Gedanke war plötzlich in Bertas Kopf.
„Nein, das geht doch überhaupt nicht. Ich kann hier doch nicht alles stehen und liegen lassen. Wer macht denn dann all die Dinge? Die können doch nicht liegenbleiben? Und was sagen dann all die anderen? Die denken ja, ich sei völlig verrückt geworden und will mich aus dem Staub machen. Nee, also das geht ja mal gar nicht. Und so schob Berta diesen Gedanken wieder beiseite. Doch die Träume waren hartnäckig und wilder als je zuvor.
Berta konnte so nicht mehr weitermachen. Es musste sich etwas ändern. SIE musste wohl doch etwas ändern. Und dann stellte sie sich auf, reckte ihren Hals nach oben und beschloss, den Gedanken, in die Fußstapfen ihrer Urgroßmutter zu treten, mal etwas ausführlicher zu denken. Sie dachte sich in ferne Länder, in andere Kulturen,…. Immer deutlicher sah sie alles vor sich.
Das faszinierende daran war, dass sie gar keine Angst mehr hatte, sondern eher im Gegenteil, dass es ihr ganz leicht ums Herz wurde. So leicht, dass sich Berta überlegte, welchen ersten Schritt sie tun müsste, um ihrem Traum ein Stück näher zu kommen.
Und so machte sie Schritt für Schritt in Richtung ihrer Traumes. Es war kein einfacher Weg. Immer wieder gab es Hindernisse, die ihr den Schritt, den sie eben getan hatte, wieder kaputt machten und manchmal musste sie ein ganz großes Stück zurück marschieren, bevor sie wieder nach vorne gehen konnte.
Doch Berta war entschlossen, der Blick zur Sonne gab ihr den Mut, weiterzumachen und an ihrem Traum festzuhalten, auch wenn einige um sie herum ungläubig die Köpfe schüttelten.
Berta träumte jede Nacht. Doch die Träume waren wunderschön, leicht und voller Abenteuer. Berta wusste nun, dass sie es wagen würde.
Endlich würde sie die große Reise antreten. Sie hatte über eine gute Freundin, Julia, die Gelegenheit bekommen, eine Mitfahrgelegenheit zu erhalten. Als sie von dieser Möglichkeit erfuhr, wollte sie erst sagen, dass sie noch nicht soweit wäre, dass es ja noch so viele Dinge zu erledigen gäbe und überhaupt, wusste sie mit einem Mal nicht mehr, ob sie wirklich ihren Traum verwirklichen sollte.
Julia kannte Berta sehr gut und wusste, wie wichtig es für sie war, diesen Traum umzusetzen. Und so redete sie Berta gut zu und versicherte ihr, dass die Mitfahrgelegenheit vertrauenswürdig ist. Sie selbst würde Berta zu den Leuten bringen.
So, nun war es soweit. Sie hatte einen bequemen Platz in einem der Rucksäcke und war gespannt darauf, dass es endlich losging.
Endlich auf ins Abenteuer. Berta war bereits einige Tage schon auf Reisen und genoss es: ein anderes Klima, andere Tiere, anderes Futter, andere Sprachen. Wie gut, dass sie los gereist war. Nun wollte sie sich endlich mal an den Strand wagen. Als Stadt-Kamel ist das schon ne echte Nummer. Sie schaute ihre Mitfahrgelegenheit tief in die Augen, so dass sie mit zum Strand mitkommen durfte.
Während die anderen vier in die Wellen sprangen, trottete Berta ein Stück am Strand entlang. Was es da alles so zu entdecken gab. Tiere über Tiere, viele, kleine Insekten und andere Lebewesen, Eidechsen, Krebse, Vögel schwirrten in der Luft herum. Dazu das Zirpen der Zikaden und das Rauschen des Meeres. Überwältigt von all den vielen Eindrücken stand Berta erst einmal sprachlos da. Dann ließ sie sich treiben und schaute den kleinen Lebewesen interessiert zu.
Sie war so ins Zuschauen und Beobachten vertieft, dass sie gar nicht bemerkte, wie sie gegen etwas lief. „Aua“, sagte Berta. „Autsch“ antwortete ihr Gegenüber. „Was bist denn du für eine?“ wurde sie neugierig gefragt. „So was wie dich habe ich hier ja noch nie gesehen.“ Berta schaute auf ein braunes, haariges, rundes Etwas. „Ich bin Berta und ganz neu hier,“ meinte sie schüchtern „Und du?“ „Ich bin Koko und seit Ewigkeiten schon hier im Strand. Daher weiß ich so ziemlich alles, was hier passiert. Was ich jedoch nicht weiß, „ in ihrer Stimme klang Wehmut, „was, da draußen auf dem weiten Meer so alles passiert. Ich wünschte, ich könnte mal dort hinaus schwimmen und mich umsehen.“ Sehnsüchtig schaute sie in die tosenden Wellen „statt dessen liege ich hier immer am Strand herum.“
Berta kannte diese Sehnsucht und fühlte mit Koko mit. Beide schauten eine Weile ins Meer bis Berta das Schweigen durchbrach. „Und warum hast du noch nie versucht, aufs Meer zu kommen?“ „Ach, wie soll das denn funktionieren? Ich bin eine alte Kokosnuss.“ „Ich werde mir etwas einfallen lassen, „ so leicht ließ sich Berta nicht entmutigen, schließlich hatte sie vor kurzem erst erlebt, dass viele als unmöglich geglaubte Dinge möglich werden, wenn man einen ersten Schritt unternimmt.
Und Berta hielt tatsächlich Wort. Sie sprach mit den Kindern der Mitfahrgelegenheit und erzählte ihnen von ihrer Idee. Die beiden waren gleich Feuer und Flamme und freuten sich, dass sie Koko helfen konnten.
Am nächsten Morgen nahmen die beiden Jungs Koko vorsichtig aus dem Strand und legten sie in den Rucksack. Die ganze Familie hatte für den heutigen Tag eine Bootsfahrt zum Wale anschauen gebucht. Koko wurde vorsichtig in eine extra kleine Tasche gepackt, so dass sie mitkommen konnte. Und was für ein Abenteuer das war. Der Duft des Meeres so nahe zu spüren, das Gischt der Wellen, der weite Horizont und die vielen Fische im Wasser. Wie herrlich das war. Und dann am Horizont tauchte er auf. Unglaublich groß und dunkel. Ein Waal und dann noch einer, ein kleiner Babywal. Koko traute ihren Augen nicht. Sie hatte sich immer erträumt, einen Waal zu sehen und nun war es Wirklichkeit geworden. Was für ein Tag in ihrem Leben. Glücklich dachte sie an Berta, die ihr diesen Traum half zu erfüllen.
Als Koko wieder vorsichtig am Strand von den Kindern abgesetzt wurde, war sie glücklich wie noch nie in ihrem Leben. Und sie dachte noch an all die vielen anderen großen Träume, die sie seit langer Zeit mit sich trug. Nun hatte sie genug Vertrauen und Mut, um sich zu überlegen, wie sie ihren nächsten Traum in die Wirklichkeit umsetzen würde. Und vielleicht würde sie nun endlich die Entscheidung treffen, auszuschlagen und zu einer Kokospalme zu werden.

Wow, was für eine Geschichte!!! Leander sagt: „Die ist voll cool…“ Danke und viele Grüße an Berta, Julia & Leander
So schön, absolut super!!! Gut das die Berta nun dabei ist, das wird toll!